Meine Musik und ich

Aktualisiert: 8. Mai 2019

Meine erste (wissentliche) Berührung mit Musik war schätzungsweise um meine Einschulung herum. Viele meiner Freunde begannen mit Blockflötenunterricht. Ich sagte zu meiner Mama: "Nein Blockflöte möchte ich nicht spielen, ich will nicht die blöden Löcher zuhalten". Ich bekam dennoch ein Blockflötenheft geschenkt und brachte mir die Töne selbst bei.


Dann sollte es in der ersten Klasse mit Klavierunterricht losgehen. Ich kann mich nicht mehr an allzu viel erinnern, an den Moment nach meiner ersten Klavierstunde jedoch noch ganz gut. Ich saß alleine vor dem Klavier und weinte, weil mir einfach nicht mehr einfallen wollte, wo ich die Töne auf dem Notenblatt auf dem Klavier finden sollte. Der Anfangston hätte mir ja schon gereicht, aber es wollte mir einfach nicht mehr einfallen. Wie sollte ich dann das Stück bis nächste Woche üben? Wir waren zu zweit im Unterricht, meine Klassenkameradin kam aus einer Musikerfamilie und konnte ihre Eltern fragen. Ich nicht.


Naja, irgendwie hab ich es dann wohl doch hinbekommen. So richtig Freude hat mir der Unterricht jedoch nie bereitet. Besonders gut war ich auch nicht. Dennoch eilte mir mein Ruf irgendwie voraus und ich ging nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium mit Musikprofil. Zu Beginn der fünften Klasse hatte ich dann jedoch genug und schmiss den Klavierunterricht. Stattdessen begann ich meine Karriere im Musikverein meines Heimatdorfes und lernte Xylophon, Schlagzeug und Percussion. Witzigerweise spielte ich beim ersten Vorspiel in der fünften Klasse gerade "offiziell" gar kein Instrument, so dass ich ein Stück auf der Blockflöte vorspielte.


Bei meinem ersten Schlagzeuglehrer konnte ich mein Potenzial schon ganz gut ausleben. Er lies uns viel nach Gehör spielen, was mir von Anfang an ganz leicht viel. Zu Hause hatte ich dann irgendwann auch ein riesengroßes Marimbaphon stehen und übte auch regelmäßig. Mit meinem Marimbaphon war ich auch recht oft on Tour - mit dem Musikverein, in der Schule, bei Wettbewerben, als Aushilfe bei anderen Vereinen.


Als es auf das Abi zuging, hatte ich zumindest die Idee, dass ich später etwas mit Musik machen könnte. Ich war dann in der 12. Klasse bei einem Schnuppertag in Trossingen in der Musikhochschule. Zunächst saßen wir mit ein paar anderen Studenten im Theorieunterricht. Durch den tollen Unterricht an meiner Schule, war mir hier vieles schon bekannt und auch das Thema "Obertöne hören" fand ich ganz leicht. Ich hatte dort jedoch zwei Schlüsselerlebnisse, die mich davon abhielten, Musik zu studieren.


Auf den Fluren standen immer wieder Studenten mit ihrem Instrument rum (die meisten mit Akkordeons) und spielten in sich versunken irgendwas. Da dachte ich mir "so musikverrückt bin ich ja auch wieder nicht, dass ich mein Instrument überall mit hin nehme und mich so komisch auf einen Flur stelle". Das zweite Erlebnis hatte ich mit einem Schlagzeuger bei seiner Probe. Er hatte die wahnsinnig spannende Aufgabe, die Tambourin-Stimme für ein Orchesterstück zu proben. Da zeigte er mir die verschiedensten Techniken, wie man ein Tambourin spielen kann. Als ich in seine Noten schaute, wurde mir auch ganz schwindlig. Ganz verrückte Rhythmen, die man aus dem Bauch heraus gar nicht hinbekommt. Da wurde mir klar, wenn ich Schlagzeug studiere, werde ich auch irgendwann mit meinem Tambourin stundenlang so verloren in einem Proberaum stehen bis meine Finger verkrampfen.


Eine zweite Erfahrung machte ich beim Schnuppertag der Popakademie Mannheim. Mit einer Freundin fuhr ich am einem Samstag dort hin, um mir den Studiengang "Popmusikdesign" anzuschauen. Ich hatte mit dem Keyboard ja schon einige Songs komponiert und arrangiert und in meinen Träumen fühlte sich der Studiengang auch ganz toll und aufregend an. Wir hörten uns ein paar ganz coole Bandprojekte an und fuhren nach ein paar Stunden wieder nach Hause, ohne dass ich mich mit wirklich mit jemanden unterhalten hatte. Ich fühlte mich zu dem Zeitpunkt glaube ich ziemlich klein, unbedeutend und uncool und daher dem Vorhaben einfach nicht gewachsen.


Mein Fazit war daher: "Ich bin eben doch nicht so musikverrückt und werde die Musik besser weiterhin als mein Hobby sehen". Als mich später jemand fragte, warum ich denn nie etwas mit Musik gemacht habe, sagte ich meist "ich fand ein Musikstudium immer so Ich-bezogen". Und wenn ich darüber las, dass professionelle Musiker 8-10 Stunden am Tag üben, dachte ich mir immer "das ist dann ja auch keine Kunst. Wenn ich 10 Stunden am Tag üben würde, dann wäre ich ja locker auch so gut".


Die "Hochzeit" meiner musikalischen Schöpferkraft war bisher um mein Abi herum. Damals habe ich auch einige Stücke komponiert und auch aufgeschrieben. Voller Eifer habe ich drei Stücke "three emotional pieces for piano" bei einem Kompositionswettbewerb bei uns im Landkreis eingereicht. Leider kam der Brief wieder zurück mit der Nachricht, dass ich leider die einzige Teilnehmerin war und der Wettbewerb daher nicht stattfinden kann. Ansonsten hatte ich meine Gitarre bei Ausflügen, Zeltlagern, Kursfesten mit der Schule immer am Start und wurde als "Lagerfeuergitarristin" immer besser.


Ich studierte dann internationale Betriebswirtschaft, war weiterhin im Musikverein aktiv und klimperte ab und zu auf dem Keyboard meiner Schwester rum. Unser "richtiges" Klavier hatten meine Eltern zwischenzeitlich verkauft. Bevor ich für mein Praxissemester nach Hamburg ging, wollte ich unbedingt ein E-Piano haben, da ich es mir einfach ohne ein Tasteninstrument in der Wohnung nicht vorstellen konnte.

Meine treuen Begleiter auf dem Weg zur "Lagerfeuerpianistin" waren sie Kultliederbücher "Das Ding". Songtext und Akkorde reichten für mich ab sofort aus, um Klavier zu spielen. Immer wieder kaufte ich mir Klaviernoten oder druckte welche aus, um dann aber jedes Mal festzustellen, dass ich mich ja eh nicht an die Noten hielt und die Stücke dann auch gleich nur nach den Harmonien spielen könnte.


Mein bisher aufregendstes Musikprojekt begegnete mir dann während meiner Zeit in München von 2011-2015. Ich wurde Teil der Agenturband. Jedes Jahr im Juni spielten wir auf dem Agenturevent vor 1.000 - 2.000 Kollegen, die aus der ganzen Welt angereist kamen. Ich war quasi das ganze Jahr erfüllt von diesem Projekt. Sechs Monate vorab fieberte ich darauf hin, sechs Monate danach war ich immer noch im Glück. Mein Herzkopf-Moment war immer während dem Schlagzeug-Soundcheck. Da hätte ich überschwappen können Freude - "wir spielen nachher live, vor so vielen Menschen, niemand weiß, was genau passiert."


Fünf wunderbare Jahre spielte ich in der Agenturband, dann ging ich zurück in die Heimat. In der naiven Hoffnung, meine Bandkollegen würden mich die Jahre drauf einfach "einkaufen", weil sie keinen adäquaten Ersatz für mich finden würden.


So und jetzt sitze ich ich im Heimatdorf von meinem Mann mit meinem E-Piano, meiner Gitarre und meinem kleinen Sohn, arbeite in einer (deutlich kleineren) Agentur, bin in meinem Musikverein zur Vorsitzenden aufgestiegen und frage mich dennoch, wohin mich meine Musik in meinem Leben noch bringt.


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