Wer bin ich und wer bin ich nicht

Vor kurzem war ich mit meinem 1,5 Jahre alten Sohn vier Tage im Südschwarzwald wandern. Nur wir beide, mit Kraxe und Bauchtasche und so wenig Gepäck wie möglich. Beim Wandern kam in mir immer wieder die Frage auf „Warum machst du das überhaupt? Und für wen?“ Meine schnellste Antwort (und das ist ja meist die, die direkt aus dem Herzen kommt) lautet hierzu: „Weil ich das bin. Weil ich diese Reise bin. Weil ich dieses Abenteuer bin. Weil ich diese Idee bin.“


Manchmal finde ich diese Reise im Nachhinein sogar etwas unheimlich. Sie hält mir so krass den Spiegel vor über das, was ich bin und gleichzeitig nicht bin - die Polarität des Lebens. Einerseits bin ich gut darin, einfach loszugehen, egal was andere sagen. Für mich war jede Skepsis und jeder Zweifel nur ein weiterer Ansporn, es dennoch oder gerade deswegen durchzuziehen. Die andere Seite davon ist, dass mich im Vorfeld über den genauen Wegverlauf und die Himmelsrichtungen nicht informiert habe und ohne richtige Wanderkarte losgelaufen bin. Das Resultat war dann eben, dass ich ein paar Mal vom Weg abgekommen bin und teilweise orientierungslos war.


Angekommen bin ich trotzdem und den Mut habe ich trotzdem nicht verloren. Und hier kommt auch wieder eine Seite meiner Eigenschaften zum Vorschein: Ich vertraue immer darauf, dass es am Ende gut wird. Auch wenn es nicht so wird, wie im Tourenplaner vorgesehen – es wird auf jeden Fall MEIN Weg und der kann ja nur richtig sein. Zumindest für mich. Und darauf bin ich auch stolz. Ich bin zwar nicht die ganzen 106 Kilometer des Weges gelaufen, ich habe es jedoch auf meine ganz eigene Art doch geschafft.


Nur warum wollte ich genau diese Erfahrung machen? Meine schnellste Antwort ist hier: Weil ich eben gerade NICHT wusste, wie es wird. Weil ich die bin, die einfach losgeht und ihrem Gefühl vertraut. Weil ich die bin, die trotz teilweiser Orientierungslosigkeit im Kern nicht den Mut und die Zuversicht verliert. Weil ich die bin, die gerne mit sich selbst und ihren eigenen Widerständen kämpft. Denn natürlich war es auch oft anstrengend. Doch Aufgeben kam mir kein einziges Mal in den Sinn. Ganz am Anfang stand da ein Gedanke, eine Idee und wer, wenn nicht ich könnte diesen Gedanken zum Leben erschaffen? Es gibt ja einen Grund, warum gerade MIR der Gedanke kam.


Ich wollte mit der Erfahrung wahrscheinlich auch zeigen, dass wie wichtig es ist, die Polaritäten des Lebens zu verstehen und sich ihnen auch hinzugeben. Als junge Mama befinde ich mich hauptsächlich auf der beständigen Seite des Lebens, wo Sicherheit, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Harmonie und Friede eine Rolle spielen. Mit dieser Reise habe ich mich bewusst auf die „wilde Seite des Lebens“ begeben – mit Abenteuer, Abwechslung und Unbeständigkeit. Das Verständnis dieser Polarität hilft auch, sich und andere Menschen besser zu verstehen. Denn jede menschliche Eigenschaft hat zwei Seiten. Ich darf bei mir selbst und bei anderen beide Seiten annehmen und ich kann in jedem Moment entscheiden, auf welche Seite ich meinen Fokus lege.



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